Ein Seminarbericht von Wulf D. v. Lucius
Der Bucheinband
Ein Seminar der Maximilian-Gesellschaft in Kooperation mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Das dritte buchkundliche Seminar der Maximilian-Gesellschaft fand am 6./7. März in Weimar in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit einer erfreulich großen Teilnehmerzahl statt – alle Plätze waren vergeben.
Im historischen Bibliothekssaal begrüßte der Direktor der HAAB, Dr. Reinhard Laube und gab seiner besonderen Freude über das gewählte Thema Ausdruck, weil dadurch das historische Buch als ästhetisches Objekt, als Teil unseres physischen Kulturerbes in den Blick gerückt werde.


Begrüßung der Seminar-Teilnehmer durch Herrn Dr. Laube und Herrn Hageböck

Sodann führte der Seminarleiter Matthias Hageböck – Buchbinder und Restaurator an der HAAB- durch alle Ebenen der Bibliothek und den Bibliotheksturm und gab aufschlussreiche Erläuterungen zu deren Aufbau, Geschichte und Bestandsentwicklung, insbesondere auch den tiefgreifenden Veränderungen nach dem Brand von 2004 mit dem Verlust von 50.000 und der Beschädigung von 100.000 Büchern. Das ist heute für den optischen Eindruck nicht mehr zu fühlen, vielmehr ist vieles heute nach der Wiederherstellung näher am Zustand der Goethezeit.




Im Anschluss begab man sich durch die weiträumigen, unteririschen neuen Magazinräume in den Kubus, das Forschungszentrum de HAAB. Dort erwartete uns ein dicht gepackter, höchst kenntnisreicher von M. Hageböck konzipierter Gang durch die Einbandgeschichte vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Seine Ausführungen begleiteten sowohl sehr gute Aufnahmen der Einbände per power-point als auch die auf Tischen ausliegenden Originale, die in großzügigem Vertrauen auf die Sorgfalt der versammelten Bibliophilen auch herumgereicht wurden zur individuellen, insbesondere auch taktilen Inspektion.




Wohl kaum einer der Teilnehmer hatte zuvor einen der legendären Ebeleben-Einbände in der Hand oder Geschenkexemplare des 19. Jhdts an J.W. v. Goethe in Pariser Meisterbänden. Gleiches galt für herausragende orientalische Lederbände mit farbiger Papierdekoration und Vergoldung, die über Venedig wesentliche Impulse für die europäische Einbandkunst gaben. Prächtige Einbände der deutschen Renaissance von Jakob Krause und Jakob Weidlich, wertvolle Einbände aus Barock und Rokoko, aus Italien und Frankreich führten zu Einbänden der Goethezeit mit Stücken von bemerkenswerter Qualität aus der Hand von lokaler Buchbindern (insbesondere Martin Bauer).

Rechts: das Original







Mit einem großen zeitlichen Sprung über 100 Jahre präsentierte M. Hageböck sodann eine eindrucksvolle Reihe von Verlagseinbänden aus seiner eigenen Sammlung.
In Jugendstil, Art Déco und Bauhaus, gestaltet von Künstlern wie A. Beardsley, M. Klinger, O. Eckmann, F.H. Ehmcke, Kolo Moser, E. Preetorius u.a. Die entwerferische Originalität der geprägten Leinen- und Pappbände sowie der in dieser Zeit aufkommenden Schutzumschläge machte eine ganz andere Welt der Buchkunst sichtbar: nicht edle Materialien, sondern bedeutende Entwurfsarbeiten machen den Wert dieser Stücke aus, die alle in bemerkenswert gutem Zustand sind.




Ein hochinteressantes Spezialthema war das der Einbandfälschungen – auch hier die behandelten Exemplare alle im Original ausliegend. Es wurde deutlich mit welcher Raffinesse und authentischem Material diese Fälschungen z.T. gemacht wurden. Sie verdanken sich der Gier der Sammler nach dem Besonderen, so dass heute auch längst erkannte Einbandfälschungen wegen ihrer handwerklichen Qualität und als historisches Kuriosum hoch gehandelt werden. Die meisten Fälschungen zielen auf angebliche Provenienzen.
Das letzte Thema des ersten Tages waren Buchbinder und Einbände im klassischen Weimar. Goethe trat hier gleich in zweifacher Gestalt auf: als Leiter der Bibliothek und als Privatmann. Als letzterer war er nicht an Einbandluxus interessiert, sondern an zweckmäßigen Einbänden für seine Privatbibliothek. Auch hier erwies sich Goethe wie so oft als praxiserfahren: er gab z.T. detaillierte Vorgaben für die Buchbinder, die auch zahlreiche Kästen und Futterale für Goethes Sammlungen anfertigten bis hin zu einer Art Reliquienschrein für Schillers vermeintlichen Schädel.

Der zweite Tag galt der Buchbindepraxis. Die Buchbinderin und Restauratorin Simone Püttmann aus Stuttgart hatte ein kleines Atelier aufgebaut mit Lederproben, Vergoldungsstempeln und den dazu gehörigen Heizplatten. Sie gab anhand von Einbandbeispielen und halbfertigen Demonstrationsbänden einen anschaulichen Einblick in alle technischen Arbeitsgänge und führte die arbeitsaufwendige Technik des Vergoldens vor: zweimal blind prägen, zweimal Kleisterwasser aufpinseln, zweimal Eiweiß und so dann die Blattvergoldung mit den gewärmten Instrumenten.




Wieviel Erfahrung es dazu braucht, durften die Teilnehmer selbst überprüfen: wir konnten auf Lederstreifen mit verschiedenen Stempeln und einem ligierten , bekrönten CA Stempel für Carl August selbst unser Glück versuchen. Keinem gelang ein perfektes Ergebnis – allein die erforderliche Kraft und deren Gleichmäßigkeit sind hohe Anforderungen.

Abschließend gab es gute Gespräche unter den Teilnehmern, von denen viele schöne Stücke aus ihrer eigenen Sammlung vorzeigten – ein anregender Austausch unter Sammlern ganz unterschiedlicher Gebiete und Epochen.
Die zwei Tage vergingen wie im Flug, erfreut und um manche Erkenntnis und viele gute Gespräche bereichert fuhren die Teilnehmer nach Hause und freuen sich auf ein viertes Seminar. Dem Vorstandsmitglied der Maximilian-Gesellschaft Dieter Lehnhardt gebührt wieder großen Dank für die minutiöse Vorbereitung und den beiden Seminarleitern für die intensive Vorarbeit. Großer Dank gilt auch der HAAB, die mir ihren wunderbaren Räumen und großartigen Beständen ein idealer Gastgeber gewesen ist. Das Treffen wird allen Teilnehmern in schönster Erinnerung bleiben.
Wulf D. v. Lucius
Die Informationsbroschüre zum Seminar finden Sie hier.
